Geschrieben am: 14.07.2026
Forschende des DRK-Blutspendedienstes Baden-Württemberg - Hessen entwickeln neues Präparat für die Stammzelltransplantation
Der DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg-Hessen verbindet Forschung, Blutspende und moderne Stammzelltransplantation, um Krebspatientinnen und Krebspatienten besser zu versorgen. Aus einer einzigen Spende können Blutstammzellen und Abwehrzellen gewonnen werden, die bei halbidenter Stammzelltransplantation eingesetzt werden. Ziel ist es, Krebszellen gezielt zu bekämpfen, Abstoßungsreaktionen zu verringern und die Therapie nach einer Stammzelltransplantation verträglicher zu machen.
Die Wissenschaftlerinnen Dr. Patricia Quade-Lyssy und Dr. Eliza Wiercinska und das Team des Frankfurter Zelltherapie-Labors setzen einen wichtigen Meilenstein, um die Nebenwirkungen bei Stammzelltransplantationen zu reduzieren.
Das Team vom DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg - Hessen in Frankfurt (von links nach rechts):
Laura Vogel (GMP-Operatorin), Christiane Hümmer (GMP-Operatorin), Josefine Beifuss (GMP-Operatorin), Eliza Wiercinska (Leiterin der Qualitätskontrolle), Carolin Poppe (GMP-Operatorin), Halvard Bönig (Professor für Translationale Entwicklung von Zelltherapeutika an der Goethe-Universität Frankfurt und Sachkundige Person), Patricia Quade-Lyssy (Projektleiterin), Darja Karpova (Abteilungsleiterin und Sachkundige Person).
DRK-Blutspendedienst: Aufgaben in Blutspende und Forschung
Nicht nur die Gewinnung von Blutspenden und ihre Aufbereitung zu lebensrettenden Blutpräparaten zählt zu den vielen Aufgaben des DRK-Blutspendedienstes. Auch in der Forschung und Weiterentwicklung der modernen Transfusionsmedizin leisten Ärztinnen und Ärzte, Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler des gemeinnützigen DRK-Blutspendedienstes Baden-Württemberg - Hessen wichtige Beiträge und entwickeln unter anderem in Studien die Herstellung von und die Behandlung mit Blutpräparaten für die betroffenen Patienten und Patientinnen kontinuierlich weiter.
Forschungsteam und Genehmigung des neuen Arzneimittels
Nach langjähriger Forschungsarbeit des Zelltherapeutika-Teams unter Leitung von Frau Dr. phil. nat. Darja Karpova (Abteilungsleiterin) und Prof. Dr. med. Halvard Boenig erhielt der DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg-Hessen, Institut Frankfurt, im November 2025 die Genehmigung nach §21a AMG für die Herstellung eines neuen zellulären Arzneimittels. In der Fachsprache heißt es: „Allogene hämatopoetische Stamm- und Progenitorzellen, TCRαβ/CD19-depletiert, frisch oder kryokonserviert“. Das Präparat kommt in der halbidenten hämatopoetischen Stammzelltransplantation zum Einsatz.
Zum Hintergrund der Stammzelltransplantation
Stammzelltransplantationen werden zum Beispiel bei der Behandlung von Leukämie oder Lymphomen sowie bei angeborenen Störungen der Blutbildung und des Immunsystems eingesetzt. Bei sogenannten haploidentischen Stammzelltransplantationen (Spender und Empfänger passen nur teilweise) müssen jedoch besonders „angriffslustige“ T Zellen entfernt werden, um schwere Abstoßungsreaktionen zu vermeiden. Denn nach der Transplantation können Spender-Immunzellen zwar Krebszellen angreifen, aber auch gesundes Gewebe des Patienten schädigen. Bisherige Verfahren funktionierten gut, sind aber arbeitsaufwändig und erfordern viel manuelle Tätigkeiten. Deshalb entwickelten die Forschenden eine Technik, mit der man aus einer Blutspende gleichzeitig Blutstammzellen (für die Transplantation) und Abwehrzellen (Lymphozyten) mit geringerer Abstoßreaktion herstellen kann.
Neues automatisiertes Verfahren aus einer Blutspende
Dabei kommt bei der Gewinnung der Spenderstammzellen ein neues, geschlossenes, weitgehend automatisiertes Verfahren auf Basis der CliniMACS Prodigy® Plattform (Fa. Miltenyi Biotec) zum Einsatz. Das System ermöglicht es, aus einer einzigen Stammzellspende gleich zwei verschiedene Zellpräparate für die Transplantation von Stammzellen in einem geschlossenem Schlauchsystem zu generieren. Das Gerät verarbeitet dabei die Stammzellspende (Aphereseprodukt) und teilt sie - basierend auf der Depletion von Zellen mit spezifischen Oberflächenmarkern - in zwei separate Produkte auf. Im Stammzellpräparat werden Zellen, die eine starke Abstoßungsreaktion beim Empfänger auslösen könnten, gezielt entfernt, während nützliche Immun- und Stammzellen erhalten bleiben. Neben den eigentlichen Stammzellpräparaten werden Abwehrzellen isoliert und zu einem separaten, begleitenden Medikament aufbereitet. Diese Zellen sollen Krebspatienten nach einer Stammzelltransplantation helfen, die Krebskrankheit und transplantationsassoziierte Infektionskrankheiten besser zu bekämpfen, ohne eine starke Abstoßungsreaktion (Graft-versus-Host-Disease) auszulösen.
Klinische Studien und CE-Markierung
Die sehr gute Verträglichkeit und die Wirksamkeit des neuen Arzneimittels wurden in klinischen Studien geprüft – ein wichtiger Schritt, um immunologische Risiken bei haploidenten Transplantationen weiter zu reduzieren. In einem mehrjährigen Prozess wurden zuvor in Zusammenarbeit mit dem deutschen Biotech-Unternehmen Miltenyi Biotec (Hauptsitz in Bergisch-Gladbach) wissenschaftliche Studien durchgeführt und publiziert. In den Studien wurde die neue Labor-Methode angewandt, um spezielle Abwehrzellen und Blutstammzellen aus einer einzigen Spende eines passenden Blutstammzellspenders zu gewinnen.
Das Ziel dieser Methode ist es, dass die verbleibenden „guten“ Lymphozyten weiterhin Krebszellen angreifen können sollen (Graft-versus-Leukemia-Effekt). Gleichzeitig sollen sie den Körper des Patienten weniger stark angreifen, damit es zu weniger schweren Komplikationen kommt und Infektionen vorgebeugt wird. Damit könnten Behandlungen nach Stammzelltransplantationen sicherer und verträglicher werden.
Auf Basis der durchgeführten Studien konnte schließlich die Erlaubnis zur Herstellung und sogenannten CE-Markierung für das Schlauchsystem und die Reagenzien erlangt werden. Dies ist eine Kennzeichnung von Herstellern medizinischer Produkte, die besagt, dass das jeweilige Produkt den Anforderungen der EU-Richtlinien für den genannten Zweck entspricht.
Was bedeutet das für Patientinen und Patienten?
In Zukunft könnten Patient*innen eine Transplantation und zusätzliche „Spender-Abwehrzellen“ aus einer einzigen Spenderspende erhalten. Diese Zellen wären so vorbereitet, dass sie möglichst gezielt gegen Krebszellen wirken und weniger Schaden im restlichen Körper verursachen können. Mit der nun vorliegenden Genehmigung kann das sehr wirksame Stammzellpräparat bei sogenannten halbidenten hämatopoetischen Stammzelltransplantationen bundesweit für Patientinnen und Patienten zum Einsatz gebracht werden.
Nutzen für Patienten
„Mit diesem Präparat haben wir einen neuen, starken Pfeil im Köcher für Patienten, für die kein passender Spender in Familie oder Stammzellspenderdatei gefunden werden kann, wie das bei vielen pädiatrischen Patienten der Fall ist.“